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Wilhelm de Haan: Warum, Muriel?


Eine abenteuerreiche Liebesgeschichte, bei der die Leser*innen in interessante Gegenden mitreisen können. Vielleicht sogar einiges für sie Neues erfahren. (Das Motto werden Sie später verstehen.)


Allah nimmt die Seelen der Menschen
zur Zeit ihres Sterbens zu sich und auch
die Seelen derer, die nicht gestorben sind,
wenn sie schlafen.
Dann hält er die zurück, über die er den Tod
verhängt hat, und schickt die anderen wieder
bis zu einer bestimmten Frist ins Leben zurück.
                                                                         Koran, Sure 39, 41



Ingwer-Tee nach einer Liebesnacht

Meine Uhr behauptet, dass heute Dienstag ist, der 17. Juli. Blöd und schade, denn dann sind es drei Tage nach dem französischen Nationalfeiertag, an dem fast alle Franzosen immer in ansteckender Feierlaune sind. Immerhin werden sie drüben die Krawall-Schäden schon aufgeräumt haben. Hunderte Autos brennen jedes Jahr bei den Straßenfesten; die Glaslieferanten jubeln heimlich über die vielen zerschlagenen Fenster. Und die Zahl der ungewollten Zeugungen lässt sich nicht einmal schätzen.


Hier in Göttingen ist alles friedlich und nüchtern, wie meistens.

8 Uhr 14, Gleis 10. ICE-Einfahrt mit leichter Verspätung. Wie bin ich auf diesen Bahnsteig gekommen? Hatte Alexander mich hergebracht oder Herr Opitz? Ich sehe um mich herum nur fremde Gesichter und Gestalten, junge und ältere Frauen und Männer, zwei Familien, alle offenbar mit genauen Vorstellungen von ihrer Reise mit einem festen Ziel. Auf dem Gleis-Display steht: Der Zug fährt über einige deutsche Städte südwärts nach Chur – nach Chur? Ich will doch nach Paris. Unterwegs muss ich umsteigen, das wird in dem Bahn-Ticket stehen, das in meiner Jackentasche knistert. Zwei DIN A 4-Seiten – wenn mein Vater für uns Bahn-Fahrkarten kaufte, genügten auch für weite Strecken braune Pappstreifen, kleiner als eine Streichholzschachtel. Früher!

Das übliche Gedränge. Ich muss erst mal meinen reservierten Platz suchen. Chur - das nehme ich als eine hübsche Überraschung. Vor Jahren habe ich einige Kapitel über eine Liebesgeschichte geschrieben, die in der Umgebung von Chur spielte - in meinem Münchhausen-Buch, das zu meinen Lebzeiten wenige Käufer gefunden hat. Selber schuld, unachtsame Käufer, auch hieran, denn ich habe mehrfach vor anderen bemüht witzig bemerkt, dass ich ohnehin hauptsächlich für meinen Nachruhm schreibe.

Muriel, warum schickst du mich nach Chur? Ich war in meinem anderen Leben dort. Ich grübele: Wo habe ich diesen Ort verortet? In der Schnee-Schweiz, klar, aber in Graubünden oder im Wallis? Hatte ich das damals nicht verwechselt? Warum fahre ich jetzt noch einmal dorthin - ohne meine damaligen Möglichkeiten, ohne Begleiter, ohne, wie hieß sie, meine fantastische Gräfin? Schade, ich erinnere mich noch nicht, Gräfin de … oder du…

Wir waren innig vertraut; sie war eine wunderbare Geliebte und dabei völlig eifersuchtsfrei, was bei meinen zeitweiligen dienstlichen Verpflichtungen als Beauftragter des Hofes besonders wohltuend war.  Hatte sie helles oder dunkles Haar? Ich tippe auf dunkel. Gräfin…, ich komme nicht mehr auf ihren Namen. Das ist zumindest ungerecht, denn sie war wirklich ein sehr wertvoller Mitmensch für mich. Ohne sie hätte ich einen ganz anderen Seitenweg nehmen müssen. Wir haben uns Jahre vorher in Paris kennen gelernt; ich war (in meiner Rolle als Münchhausen) ein „Arzt in Ausbildung“ in einem chaotischen, riesigen Hospital, ziemlich arm und eingeschränkt in allem, aber benutzungsberechtigt für unsere Dienstpferde, manchmal sogar für eine altersschwache Kutsche.

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