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D

Emily Dickinson (1830-1886)


The Chariot

Weil ich für den Tod nicht halten konnte,
hielt er netterweise für mich.
Der Karren trug nur uns beide.
Und die Unsterblichkeit.

Wir fuhren gemach, er kannte keine Hast
und ich konnte meine Arbeit hinter mich lassen,
meine Muße übrigens auch -
er war so freundlich zu mir.

Vorbei an der Schule mit spielenden Kindern,
die mit ihren Aufgaben schon fertig waren,
vorbei an den prächtigen Kornfeldern
und am Sonnenuntergang.

Wir hielten vor einem Haus,
das unten aufzubrechen schien;
das Dach war geöffnet
und der Sims war ein Hügel.































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Annette von Droste-Hülshoff

Am Turme

Ich steh´ auf hohem Balkone am Turm,
umstrichen vom schreienden Stare,
und lass gleich einer Mänade den Sturm
mir wühlen im flatternden Haare;
o wilder Geselle, o toller Fant,
ich möchte dich kräftig umschlingen,
und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand
auf Tod und Leben dann ringen!

Und drunten seh´ ich am Strand, so frisch,
wie spielende Doggen, die Wellen
sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch
und glänzende Flocken schnellen.
Oh, springen möcht´ ich hinein alsbald,
recht in die tobende Meute,
und jagen durch den korallenen Wald
das Walross, die lustige Beute!

Und drüben seh´ ich einen Wimpel wehn
so keck wie eine Standarte,
seh´ auf und nieder den Kiel sich drehn
von meiner luftigen Warte;
oh, sitzen möchte´ ich im kämpfenden Schiff,
das Steuerruder ergreifen,
und zischend über das brandende Riff
wie eine Seemöwe streifen.

Wär´ ich ein Jäger auf freier Flur,
ein Stück nur von einem Soldaten,
wär´ ich ein Mann doch mindesten nur,
so würde der Himmel mir raten;
nun muss ich sitzen so fein und klar,
gleich einem artigen Kinde,
und darf nur heimlich lösen mein Haar
und lassen es flattern im Winde!



Dsi-Yä (265-419)
 
Frecher Frühlingswind

Am Fenster stand sie und
schaute sinnend ins Land,
genoss den kühlen Abendwind.

Bis ein Windstoß jäh
ihr Kleid halb offen blies.
Schäm dich, sagte sie,
dem frechen Frühlingswind!

Ü.: Helmut Brinks



















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