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Gisela Etzel (1880-1918)


Nun bin ich eine heiße Sommernacht

Nun bin ich eine heiße Sommernacht,
In die ein Sternenregen niedersinkt,
Die reglos stumm durch dunkle Stunden wacht
Und offnen Mundes deine Sterne trinkt,

Du weiter seliger Himmel über mir!
Wie soll ich all den goldnen Segen fassen!
Wie brauner Acker lieg ich leer vor dir
Und muss von Liebe mich durchsäen lassen.

Ich bin mir nun so heilig wunderbar
Wie Kelch des Herrn in reinen Priesters Hand:
Denn auch in mir ward leiblich offenbar
Der Geist, den mein Gebet als Gott empfand.





























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Gisela Etzel (1880-1918)
 
Ich stehe oft und blicke weit ins Leere

Ich stehe oft und blicke weit ins Leere
Und suche mich und meine Sucht zu fassen:
Kein klares Bild lässt sich zusammenpassen,
Wieviel ich alles hin und wieder kehre.

Die Seele singt ein ewiges Miserere
Und kann doch nicht von Tanz und Taumel lassen,
Sucht Gott zu lieben, eifert ihn zu hassen
Und lechzt zum Fall wie straffgefüllte Beere.

Ein Vorbereiten sind mir meine Tage
Auf irgendein Erleben ohnegleichen.
Einstweilen wühlen sie in Lust und Plage
Und häufen Traum auf Traum und Frag auf Frage
Und sehen tränenlos die Zeit verstreichen
Und ahnen, dass sie nichts als Tod erreichen.



Giocondo wartet

Giocondo wartet, dass ich Liebe bringe
Er geht, vom eignen Werte überzeugt,
Des Tages Gang und wartet ungebeugt.
Geschenke bringt er oft: Juwelen, Ringe

Und Tand, wie er wohl früher Frauen brachte.
Was soll das meiner Jugend? Er ist alt,
Die gabenvolle Hand so müd und kalt,
Der Schritt so schwer, der blick so leer und sachte.

Dies alles hab ich damals nicht gesehen,
Als er aus blassem Jugendtraum mich nahm,
So reich und prunkend an die Schwelle kam
Und um mich warb – wie konnt ichs auch verstehen?

Nun bin ich sein und kann ihm doch nichts geben
Als nur die kleine Lust, die er verlangt.
Ob er wohl fühlt, wie tief die Frage bangt:
Ist dies das ganze Glück – ist dies das Leben?



Ich möchte wohl

Ich möchte wohl solch eines reinen Knaben
Verschwendend ersten Liebesjubel haben
Und seine glückgeschwellten Lippen küssen,
Die noch von Frauenmund und -Leib nichts wissen.

Behutsam hielte ich die volle Schale 
All seiner Zärtlichkeit in scheuer Seele,
Dass nicht zu früh und nicht mit einem Male
Um seinen Reichtum ihn mein Herz bestehle.

Nur leise wollte ich von seinem Wissen,
Das unbewusst sein Sinnenfühlen leitet,
Die Schleier lösen, bis sie fallen müssen,
Und er aus Traum ins heiße Leben gleitet.

Doch dann, doch dann – ihr Ströme von entzücken,
Wie würdet niederstürzend ihr beglücken,
Aus ewigen Quellen solche Wonne schenken,
Dass wild zwei Seelen nur noch „Sterben“ denken!




Marie von Ebner-Eschenbach (1830 - 1916)


 Ein kleines Lied

Ein kleines Lied!
Wie geht`s nur an,
Dass man so lieb es haben kann,
Was liegt darin? erzähle!
Es liegt darin ein wenig Klang,
Ein wenig Wohllaut und Gesang
Und eine ganze Seele.

























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